Posted On 6. Juni 2026

Weisheiten des Gärt …

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Der eine Prozentpunkt

Ein alter Gärtner saß auf einer verwitterten Holzbank und betrachtete die Welt.
Die Jahreszeiten waren gekommen und gegangen. Er hatte gesät, geerntet,
aufgebaut, verloren, neu begonnen und mehr als einmal feststellen dürfen,
dass die Wirklichkeit größer war als seine Vorstellungen.

Neben ihm lag ein altes Notizbuch.
Die Seiten waren gefüllt mit Beobachtungen, Erfahrungen und Erkenntnissen.
Doch wenn man genau hinsah, erkannte man:
Die wertvollsten Einträge waren oft jene, die aus Irrtümern entstanden waren.

Eines Tages setzte sich ein junger Mann zu ihm.

„Wie wird man weise?“

Der alte Gärtner lächelte.

„Indem man Beobachten lernt.“

Der junge Mann nickte.

„Und dann?“

„Indem man seinen Beobachtungen vertraut.“

Wieder nickte der junge Mann.
Doch der alte Gärtner sprach nicht weiter.
Sein Blick ruhte auf dem Horizont, als würde er dort nach etwas suchen,
das nur die Zeit sichtbar machen konnte.

„Und dann kommt der schwierigste Teil.“

„Welcher?“

Langsam öffnete der alte Gärtner sein Notizbuch.
Seite für Seite war beschrieben.
Doch zwischen all den Aufzeichnungen befand sich eine einzige leere Seite.

„Diesen Platz musst du immer freilassen.“

„Warum?“

„Für das, was du noch nicht siehst.“

Der junge Mann verstand nicht.

„Wie viel Platz braucht man dafür?“

Der alte Gärtner begann zu lachen.

„Vielleicht ein Prozent.“

„Nur ein Prozent?“

„Ja. Denn genau dieses eine Prozent hat mich mehr gelehrt als die anderen
neunundneunzig.“

Eine Weile schwiegen beide.
Der Wind strich durch die Blätter eines nahen Baumes.
Irgendwo sang ein Vogel sein Abendlied.

„Und was passiert, wenn man diesen Platz nicht freilässt?“

Der alte Gärtner schloss sein Notizbuch und sah den jungen Mann lange an.

„Dann wird man Gefangener seiner eigenen Geschichte.“

Der junge Mann dachte darüber nach.
Er erinnerte sich an Menschen, die niemals einen Fehler eingestanden.
An andere, die jedes Gespräch gewinnen mussten.
Und an manche, die so sehr an ihren Überzeugungen festhielten,
dass sie nichts Neues mehr erkennen konnten.

„Und wie bleibt man frei?“

Nun begann der alte Gärtner herzlich zu lächeln.

„Indem man lernt, über sich selbst zu lachen.“

Der junge Mann runzelte die Stirn.

„Über sich selbst?“

„Ja. Wer nicht mehr über sich selbst lachen kann,
wird Gefangener seiner eigenen Geschichte.“

Wieder verging einige Zeit.
Die Sonne näherte sich langsam dem Horizont.

„Und was ist Weisheit?“

„Weisheit beginnt dort, wo wir Platz für den einen Prozentpunkt lassen,
den wir noch nicht sehen.“

Der junge Mann dachte lange über diese Worte nach.
Schließlich stellte er noch eine letzte Frage.

„Und was ist Erleuchtung?“

Da lachte der alte Gärtner so herzlich,
dass selbst die Vögel für einen Augenblick verstummten.

„Vielleicht dann, wenn man auch über die neunundneunzig Prozent noch lachen kann.“

Und irgendwo, verborgen zwischen den Zeilen des Lebens,
saß ein kleines Gartenmännchen auf einer Bank,
klappte sein Notizbuch auf und schrieb:

„Die kleinste Feile der Welt heißt Humor.
Und manchmal genügt ein einziger Prozentpunkt,
um ein Gefängnis in eine offene Tür zu verwandeln.“

„`

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